Ausstellungen des Erfurter Kunstvereins
im Renaissance-Saal der Kunsthalle Erfurt

- Ivars Gravlejs: One minute sculpture on a taxi post
09. 09. – 31. 10. 2010
IVARS GRAVLEJS (LV): Die 90er und dann/ The 90's and beyond
Erstmals in Deutschland präsentiert der Erfurter Kunstverein in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Silke Opitz eine umfangreiche Einzelausstellung des lettischen Fotokünstlers IVARS GRAVLEJS (*1979 in Riga, lebt und arbeitet ebenda). Die Werkgruppe der 90er/The 90's des in den letzten Jahren an zahlreichen internationalen Ausstellungen beteiligten Künstlers wird im Mittelpunkt der Erfurter Schau stehen.
Bereits ungewöhnlich früh zeichneten sich Gravlejs künstlerische Vorlieben hinsichtlich Thematik und Medium ab: Im Alter von nur 11 Jahren machte er den heute schier unglaublichen, seinerzeit „im Osten“ doch noch immer ganz gewöhnlichen Deal, eine Sammlung leerer, gleichwohl heiß begehrter Dosen westlicher Getränkehersteller für seine erste Filmkamera einzutauschen. Gravlejs früheste filmische Skizzen wie seine ebenso frühesten Fotografien zeigen Szenen des Nachwende-Alltags in Lettland in ihrer skurrilen, gleichwohl so bezeichnenden tragikkomischen Mischung als real existierende, täglich frustrierende „running gags“. Neben diesen bemerkenswerten „Social Studies“ entstanden aber auch erste Animationsfilme und „dokumentierte“ Performances sowie „klassische“ fotografische Stillleben, Porträts, Fotogramme, Collagen bzw. „Bildbearbeitungen“. Diese Arbeiten der 90er des tatsächlich sehr jungen, aufgeweckten Gravlejs verblüffen immer wieder in ihrer Komplexität, meint man doch, auch Bezüge zur Fotografiegeschichte zu erkennen und somit letztere auszugsweise vermittelt zu bekommen - noch dazu auf ungemein humorvolle Weise. So sind Gravlejs Aufnahmen dieser Jahre mehr als nur tastende Versuche eines angehenden Fotokünstlers, der seine Ausbildung schließlich an der Akademie der Darstellenden Künste/Academy of Performing Arts in Prag abschließen sollte, wo er bezeichnenderweise auch ein Jahr Performance studierte.
Was diese Film- wie Fotoserien der 90er ferner so einmalig erscheinen lässt, ist ihre andere Vorsätzlichkeit, eben gerade nicht primär das Leben der Nachwendezeit dokumentieren zu wollen, wie es viele Fotografen damals versuchten. Während die „Dokumentarfotografen“ unmittelbar nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems im Osten schnell noch die verfallen/den, grau-in-grauen Straßenzüge vor der Sanierung und Restaurierung festhielten oder Stefan Moses etwa die Brigadearbeiterinnen ins Studio holte, hielt der pubertierende Ivars die Kamera ganz einfach auf raufende Mitschüler, heimlich auch auf ungeliebte Lehrer oder auf seine ihm nach dem Tausch noch verbliebenen Bierdosen - eigentlich auf alles, was „einfach so“ da war. Während er vorsätzlich sein persönliches Umfeld mit Foto- und Filmkamera (und dabei das Medium selbst) amateurhaft erkundete, hat Gravlejs nebenbei Geschichte festgehalten, die sich gerade weil sie am Rande erzählt wird bzw. zu sehen ist, nicht so leicht leugnen lässt. Kunst dient hier als sehr wertgeschätztes Mittel (man bedenke: Die vielen Dosen!) bzw. mitunter aus der Verzweiflung heraus entwickelte, aberwitzige Strategie, um eine Agonie zu überwinden und letztendlich jene Verhältnisse ad absurdum zu führen, die als Kapitel von „Welt-Geschichte“ keine 20 Jahre zurückliegen.
In gegensätzlicher Entsprechung zu dieser umfangreichen und vielseitigen Serie enthüllt Gravlejs mit seiner 2008/2009 entstandenen Reihe My Newspaper, wie er kleine Manipulationen an fotografischen Auftragsarbeiten für eine tschechische Tageszeitung vorgenommen hat. Die überwiegende Harmlosigkeit dieser „Bildbearbeitungen“ mag den Betrachter von My Newspaper vor allem erheitern. Alles Weitere ist, wie wir ohnehin wissen, massenmedial nicht nur vorstellbar.
Mit freundlicher Unterstützung durch
Valsts kultūrkapitāla fonda (Lativan State Culture Capital Foundation), Riga
Lavian Centre for Contemporary Art, Riga

- William Lamson: Shoot out, still
18.11. 2010 bis 09. 01. 2011
WILLIAM LAMSON (USA): ON EARTH
Der Kunstverein Erfurt präsentiert in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Silke Opitz die erste umfassende, museale Einzelausstellung des US-amerikanischen Künstlers WILLIAM LAMSON (*1977 in Arlington/Virginia, lebt und arbeitet in Brooklyn, NY) in Deutschland.
Lamson verhandelt in seinen Aktionen und Videos seiner eigenen Aussage nach „Macho-Klischees“, indem er selbst die Rolle des „männlichen Mannes“ spielt und gleichzeitig ironisch hinterfragt. Es geht also in erster Linie um Körpereinsatz, und es wird viel geschossen - meist auf Luftballons (Actions, 2007-2008). Doch wenn aus diesen zerschossenen Ballons dann Farbe rinnt oder spritzt, entstehen auf dem Papier oder darüber hinaus wunderbare - und wunderbar zufällige - Zeichnungen bzw. Installationen.
Auch im öffentlichen und/oder Natur-Raum hinterlassen die vielseitigen Aktionen Lamsons mitunter Spuren, die auf (Foto-) Papier festgehalten werden. Entsprechende Videos, welche die Aktionen selbst wie auch deren Resultate dokumentieren, haben zudem eine ungemein bildhaft-poetische Wirkung, die oft an stimmungsvolle Malerei erinnert. So reflektiert Lamson nicht nur über sein besonderes und das allgemeine Mannsein, sondern immer auch über die einfachen, spielerisch gebrauchten Mittel der Kunst, mit denen sich komplexe Wirkungen erzielen lassen. Explizit nennt er Roman Signer als großes Vorbild, und ganz offensichtlich teilt er mit dem (selbst-) experimentierfreudigen, humorvollen Schweizer Altmeister eben jene Eigenschaften hinsichtlich der Herangehensweise an seine prozess- und handlungsbasierten Werke. Zudem bildet die Dualität von Natur und Kultur für Lamsons Arbeiten einen weiten, kontextuellen Rahmen. Anders als etwa die zuvor genannten Künstler verweist er dabei jedoch mit etlichen seiner Aktionen tatsächlich und ausdrücklich auf die Kulturgeschichte des „Jagens und Sammelns“ - nicht nur im Kunstkontext. Mit seiner Aktion Hunt and Gather (2008) werden traditionell männliche Rollenzuweisungen bzw. -prägungen an den Gegebenheiten und Bedingen des Großstadtlebens im 21. Jahrhunderts spielerisch überprüft. Wie im Umkehrschluss begibt sich der Künstler dann in die weite Landschaft und fast unberührt erscheinende Natur Südamerikas, um nun dieser tatsächlich etwas „abzugewinnen“. In seinen Aktionen Automatic/Sea, Molino and Kite Drawings (2009) sind es letztendlich Meer und Wind, die „Naturgewalten“, welche dem Künstler „automatisch“ phantastische Zeichnungen und, quasi als Beiprodukte, ebensolche Videos bescheren.
Für den sog. Renaissancesaal der Erfurter Kunsthalle plant Lamson eine komplexe, ortsspezifische, aktionistische Installation und deren Videoaufzeichnung in Weiterentwicklung seiner Aktion 9/33 (29.01.2008). Letztere ist durchaus auch als Fortsetzung einst sehr ernst genommener Ansätze der konzeptuellen, US-amerikanischen (Aktions-) Kunst der 1960er/1970er Jahre zu verstehen. Von der Bildwirkung (des Raumes wie der Videostills) her klingt bei Lamson entfernt auch das „All Over“ des Drip und Action Paintings von Jackson Pollock an, der wiederum als ausgemachter Macho galt. Nun ist Lamson heute durchaus in der Lage, jene Selbst-Herrlichkeit künstlerisch zur Disposition zu stellen – doch auch er macht dabei stets eine gute Figur. Daher erscheint es interessant und hinsichtlich der Qualität seiner Arbeiten in gewisser Weise beruhigend, dass gerade jene seiner Werke besonders überzeugen, in denen er selbst weniger präsent oder gar nicht im Bild ist.
11. 6. – 02. 08. 09
Zwischen Avantgarde und Anpassung
Der Erfurter Kunstverein 1887 – 1945
Ausstellung des Angermuseums Erfurt in Zusammenarbeit mit dem Erfurter Kunstverein e. V.
Zusammen mit dem 1886 gegründeten Städtischen Museum Erfurt (heute Angermuseum) bestimmte der im Jahr 1887 ins Leben gerufene Verein für Kunst und Kunstgewerbe das kulturelle Leben der Stadt über Jahrzehnte hinweg wesentlich mit. Auch dem Engagement seiner Mitglieder war es zu verdanken, dass Erfurt in den 1920er Jahren zu einem weit über die lokalen Grenzen hinaus beachteten Ort der Moderne avancierte. Im Zusammenspiel von Kommunalpolitikern, Unternehmern, Vertretern von Bildungseinrichtungen (unter ihnen auch Lehrer und Schüler des Bauhauses), Privatpersonen sowie Mitarbeitern der lokalen Presse formierte sich ein dichtes kulturelles Netzwerk. Kontinuierlich organisierte man Ausstellungen, veranstaltete Vorträge und erwarb Kunstwerke. Die 1937 durchgeführte Aktion "Entartete Kunst", in der Erfurt fast seine gesamte Sammlung an Werken der Moderne verlor, führte in den folgenden Jahren zur Krise des Vereins, der schließlich 1945 per Dekret der Sowjetischen Militäradministration seine Arbeit einstellen musste. Die nahezu 60 Jahre währende Tätigkeit von der Gründung bis zur erzwungenen Auflösung ist Gegenstand einer Ausstellung, die mit Werken aus den Sammlungen des Angermuseums Erfurt – zumeist durch den Kunstverein getätigte bzw. vermittelte Erwerbungen – das ambivalente künstlerische Klima jener Zeit vergegenwärtigt, sowie einer Publikation, die erstmals die Aktivitäten des Erfurter Vereins für Kunst und Kunstgewerbe umfassend darstellt.
15. 08. – 14. 09. 08
12. Erfurter Schmucksymposium – Präsentation der Arbeitsergebnisse
Eine wichtige Tradition des kulturellen Lebens in Erfurt mit internationaler Ausstrahlung ist das Erfurter Schmucksymposium, das in diesem Jahr zum 12. Mal und von den Schmuckkünstlerinnen und -künstlern Helen Britton, Heike Gruber und Felix Lindner organisiert wird. Für 14 Tage werden die Organisatoren und sieben Gäste zusammen arbeiten, wobei das 200. Jubiläum des Erfurter Fürstenkongresses 1808 den thematischen Rahmen bildet. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Gestalt Ehrenzeichen (Orden etc.) als Ausdrucksformen eines sozialen und politischen Status` und von Gruppenzugehörigkeit im Medium Schmuck heute annehmen können. Für die Präsentation der Arbeitsergebnisse arbeiten die Organisatoren erstmals mit dem Erfurter Kunstverein zusammen.
08.05. – 15. 06. 08
„Was wir gern haben“ – Kunst sammeln als Bekenntnis
Als im Herbst 1808 Napoleon Bonaparte den russischen Zaren Alexander I. und einige Häupter der deutschen Politik seiner Zeit nach Erfurt lud, dienten Paraden, Dinners und Theaterabende der Repräsentation seiner Souveränität und Macht, diente Kunst also der politischen Selbstdarstellung, wie es Jahrhunderte lang aristokratischer Brauch war. Das bürgerliche Selbstverständnis modifizierte im Gefolge aufgeklärter und romantischer Ideen dieses Modell und nutzte immer stärker Kunst zur Repräsentation von Individualität und Subjektivität. Bis heute ist das bürgerlich-private Sammeln (und Ausstellen) von Kunst ein Mittel der persönlichen Selbstdarstellung und des subjektiven Bekenntnisses geblieben. Der Erfurter Kunstverein will das private Kunstsammeln als Bekenntnis öffentlich machen. Dazu befragt er seine Mitglieder, inwieweit sie selbst künstlerische Originale erworben haben; ermittelt also Kunstsammler und bittet sie, ihre Sammelobjekte, versehen mit persönlichen Wortbekenntnissen, für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen.



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